Der Mandelzweig

 

Und es geschah des HERRN Wort zu mir und sprach: Jeremia, was siehst du? Ich sprach: Ich sehe einen erwachenden Zweig. Und der HERR sprach zu mir: Du hast recht gesehen; denn ich will wachen über meinem Wort, dass ich's tue. Jeremia 1, 11 ff,

 

Das Zeichen

Es gibt ein Lied, das der jüdische und Religions-Philosoph Schalom Ben-Chorin (1913-1999) gedichtet hat.

1981 hat es unter anderen Pfarrer Fritz Baltruweit (*1955) vertont.

Der niederländische Maler Vincent van Gogh (1853-1890), Sohn eines reformierten Pfarrers, hat schon hundert Jahre vorher [1888] ein Bild gemalt: „Blühender Mandelzweig in einem Glas“.

Der Mandelbaum ist in Kleinasien, Syrien und Mesopotamien beheimatet. Er ist der erste Fruchtbaum, der in Palästina im Frühjahr blüht, daher seine hebräischer Name: „der Wächter“ oder „der Frühe“. Sein Name klingt in Hebräisch wie: „wachsam sein“.

Als Erster von allen Bäumen im Frühjahr beginnt er zu blühen. Seine schneeweiße Pracht ist ein Bild für das weiße Haar des Alters, der Weisheit und des erfüllten Lebens. (vgl. Pred12,5) Die Frucht war ein wertvolles Handelsobjekt (1.Mo.43,11).

Der grünende Stab Aarons, durch den ihm Gott sein Priestertum bestätigte, war der Zweig eines Mandelbaums (4.Mo.17,17ff). Der Mandelbaum oder der Mandelzweig oder die Mandelblüte sind das Zeichen der Hoffnung auf neues und erwachendes Leben. Für den Sterbenden die Hoffnung auf das Ewige Leben.

Das Zeichen“ nannte Schalom Ben-Chorin sein Gedicht. Er schrieb es 1942 in Jerusalem, als sich gerade die Schreckensmeldungen über den Krieg und die Vernichtung seines Volkes häuften. Wenn er verzagt und hoffnungslos war, tröstete ihn die leise Botschaft des Mandelbaums. Denn der blüht, wenn ringsum noch alles kahl ist und auf den hohen Hügeln rund um Jerusalem noch Schnee liegt. Ähnlich werden Sie es in den kommenden Wochen erleben können. Die Mandelblüte bringt viele Menschen nach dem kalten Winter wieder auf die Beine. Ob sie alle wissen, was die Mandelblüte für ein Hoffnungszeihen ist?

Die Mandelblüte als „Zeichen für den Sieg des Lebens“. Ein Zeichen gegen die Hoffnungslosigkeit. „Ein bisschen „meschugge“ ist das ja. „Meschugge“ heißt: „ein bisschen verrückt“. Ein zarter Mandel-Blütenzweig als Protest gegen den enormen Druck von Hoffnungslosigkeit.“ So hat es Schalom Ben-Chorin Jahrzehnte später ausgedrückt.

"Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, soviel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit."

In einer der „trübsten Zeiten“ für die Juden dichtete Schalom Ben-Chorin dieses Lied von einer unzerstörbaren Hoffnung gegen allen Augenschein. Wer aber war Schalom Ben-Chorin?

Als Fritz Rosenthal wurde er am 20. Juli 1913 in München geboren. Er wuchs in einer nicht besonders religiösen jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Weil er sich mit seinen Eltern zerstritt, zog er mit 15 Jahren in die streng religiöse, orthodoxe Familie seines Freundes. So lernte er beides kennen: 1. die verweltlichte Religiosität seiner Eltern und 2. die Strenggläubigkeit der Eltern seines Freundes. Auf dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Erfahrungen wurde ihm klar: Ich will meinen jüdischen Glauben ernst nehmen und bewusst leben, aber nicht in der Enge einer orthodoxen Strenggläubigkeit.

Fritz Rosenthal begann Literatur und vergleichende Religionswissenschaften zu studieren. Doch das Nazi-Regime setzte dem ein Ende: Noch vor Abschluss seines Studiums musste er als Jude die Universität verlassen. Er wurde dreimal verhaftet und einmal auf einer Polizeistation von den Nationalsozialisten schwer misshandelt. Daraufhin floh er nach Palästina und ließ sich 1935 in Jerusalem nieder. Den Staat Israel gab es damals noch nicht. Von nun an nannte sich Fritz Rosenthal „Schalom Ben-Chorin“. Das bedeutet: „Friede“ und heißt auch: „Sohn der Freiheit“.

In friedlosen Zeiten nennt er sich „Friede“ und kämpft für Versöhnung. Obwohl er verhaftet und misshandelt wurde, obwohl er aus Deutschland fliehen musste, nennt er sich „Sohn der Freiheit“ und kämpft für die Freiheitsrechte der Araber in seinem Land.

Das unbeschreibliche Leiden und Sterben seiner jüdischen Glaubensgeschwister vor Augen, gibt er den Glauben an Gottes Gegenwart in der Geschichte seines Volkes nicht preis. Schalom Ben-Chorin dichtete in hoffnungslosen Zeiten das Lied vom blühenden Mandelzweig, das Lied von der unzerstörbaren Hoffnung, dass die Liebe trotz allem bleibt.

Schalom Ben-Chorin, der neue Name war Programm. War Jude und blieb es auch. Er suchte im neuen Staat Israel ab 1948 nach einem Judentum, das sich von verkrusteten Strukturen befreite. Er warb für ein Israel als Heimat zweier Völker: der Araber und der Juden.

Schon 1956 reiste er wieder nach Deutschland und wurde zu einer „Stimme der Versöhnung“. Auf seine Initiative hin gründete sich 1961 die Arbeitsgemeinschaft Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag.

"Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht."

 Täglich erreichen uns auch heute erschreckende Meldungen und schlimme Bilder aus aller Welt: von Krieg und Terror, von brutalen Anschlägen und Racheakten, von hungernden und obdachlosen Menschen, von Naturkatastrophen.

Und wir sehen und erleben es auch in unserem eigenen Land wie Eigennutz und Gier nach immer mehr das solidarische Miteinander und Zusammenleben bedrohen. Und auch in unserem ganz privaten Alltag erleben und erleiden wir, dass „eine Welt vergeht“:  wenn Menschen, die wir lieben, plötzlich sterben; wenn wir ausgegrenzt, gemobbt oder an den Rand gedrängt werden; wenn wir krank werden, nicht mehr mithalten können oder mitleidig belächelt werden.

Schalom Ben-Chorin nennt in seinem Lied stellvertretend für alle Opfer „Tausende vom Krieg Zerstampfte“. Die Welt scheint hier am Ende zu sein. Jede Hoffnung scheint umsonst. Oft sind es auch die „kleinen Kriege“ in den eigenen Vier-Wänden, in Beziehungen, in den Familien, in der Schule und im Beruf, die die Menschen kaputt machen. Wer so etwas in seiner eigenen Lebens-geschichte erlebt hat, der weiß, was das heißt: „eine Welt vergeht. Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.“

Schalom Ben Chorin hat das Staunen über die weiße Blüte der Mandelbäume dem Schrecken entgegengehalten. Das Hoffnungs-Bild vom blühenden Mandelzweig. Er fand Hoffnung mitten in der Verzweiflung um die Verfolgung und Ermordung seiner jüdischen Geschwister in Europa. Da machte ihm ein blühender Mandelbaum im Nachbargarten vor seinem Fenster in Jerusalem Hoffnung. So wie tausende Jahre vor ihm dem Propheten Jeremia die Hoffnung vor Augen gestellt wurde.

Wir haben es vorhin in der Schriftlesung gehört haben: Jeremia 1,11-12: Und siehe des Herrn Wort geschah zu mir und er sagte: Was siehst du, Jeremia? Und ich antwortete: Ich sehe den Zweig eines Mandelbaums. Und der Herr sprach zu mir: Du hast recht gesehen, denn ich wache über mein Wort, dass ich es halte.

Der Zweig des Mandelbaums war das Zeichen, dass Gott über seine Schöpfung wacht.
Der Zweig des Mandelbaums war der Ausdruck einer tiefen Glaubensgewissheit.

Der Zweig des Mandelbaums besagt: Gott steht zu seinen Verheißungen.
Der Zweig des Mandelbaums verkündet die Liebe Gottes zu seiner Schöpfung.
Der Zweig des Mandelbaums bezeugt, dass das Leben aus Gott am Ende stärker sein wird.
Der Zweig des Mandelbaums steht gegen Leid, Zerstörung und Tod.
Der Zweig des Mandelbaums sagt Gottes ewiges Friedensreich an.
Das ist unsere Zukunft, das Leben siegt. Darauf hoffen und vertrauen.
Dafür ist der Mandelzweig Schalom Ben-Chorin Zeichen.

 

Der Mandelzweig ist auch heute noch in Israel ein Symbol für das neue Leben nach dem Winter und ist ein Symbol der Auferstehung. Der Mandelbaum trägt oft schon seine ersten Blüten, wenn noch Schnee auf den hohen Bergen liegt. Ein unscheinbarer, blühender Mandelzweig aber wird zum Zeichen, dass das Leben siegt.

Eine solche Symbolik durchzieht die ganze Bibel. Dem Übermaß an Unheil und Schuld auf der Welt begegnet Gott mit kleinen Zeichen:
- Ein Reis aus der Wurzel Isais, (Jes.11.1.10; Röm.15, 12).
- Ein Senfkorn (Matth.13,31; 17,20) oder
- ein Weizenkorn, das in der Erde erstirbt, um Frucht zu bringen (Joh.12,24).
- Ein Kind in einer Krippe, für uns Mensch geworden (Luk.2, 12.16) und
- ein erbärmlich gekreuzigter Mann, für uns gestorben und auferstanden (Mark.15, 39).
Alles scheinbar klein und ohnmächtig, in Wahrheit aber Ausdruck von Gottes Kraft und Gottes Liebe, die sich gegen alles Leid und auch gegen allen Augenschein durchsetzen wird.

 

Die Hoffnung auf Gottes ewiges Friedensreich verbindet Juden und Christen. Doch wir Christen haben Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen vor Augen, wenn wir von Versöhnung mit Gott und von Hoffnung angesichts von Leid und Tod sprechen. Der Tod ist nicht das Ende. Es siegt das Leben. Wer Christus vertraut, wird leben. Das ist die Botschaft der Hoffnung, die von Weihnachten, das wir gerade gefeiert haben, die Hoffnung, die von Ostern ausgeht, die Hoffnung, die sich schon im ersten Mandelzweig zeigt.

Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig, dass das Leben siegt!

Wir Menschen brauchen solche Zeichen in unserem Alltag. Gerade und besonders dann, wenn uns eine Welt untergeht, wenn wir zu versinken glauben und keinen festen Halt mehr unter unseren Füßen spüren. Dann winken uns Zeichen wie der Mandelzweig zu: Mensch, sieh hin! Vertraue Gott! Das Leben siegt nicht durch Gegengewalt und größere Macht, sondern wie ein „Blütensieg, der leicht im Winde weht.“ In solchem Staunen vermögen Resignation und Verzweiflung sich zu lösen, kann neue Hoffnung sich Bahn brechen.

Gott schenkt uns auch immer wieder solche Zeichen der Hoffnung. Zeichen, die weit über das vordergründig Gesehene hinausweisen. Wir müssen einfach nur genau hinsehen, um sie zu entdecken! Vielleicht ist ein Barbarazweig, mitten im Winter in die Wärme der Stuben geholt, solch ein Zeichen. Vielleicht ist der Mandelzweig ein kleines Zeichen der Hoffnung.

Pfr. Volker Sailer, Stuttgart

Bilder Mandelbäume hier.